Übergangsphasen: Warum sie sich so komisch anfühlen – und was du darüber wissen solltest
Es gibt Momente im Leben, die sich anfühlen, als wäre man gleichzeitig angekommen und doch noch nicht ganz da. Übergangsphasen. Diese merkwürdigen Zwischenräume entstehen, wenn das Alte geht, aber das Neue noch keinen festen Platz hat.
Viele Menschen erwarten, dass Veränderung sich sofort gut anfühlt – befreiend, weit, leicht.
Doch oft taucht nach der ersten Begeisterung etwas Unerwartetes auf: Unsicherheit, Nervosität, manchmal sogar Angst.
Das klingt paradox – bis man versteht, was in uns in solchen Momenten tatsächlich passiert.
Der stille Moment nach dem Loslassen
Wenn wir alte Muster oder Glaubenssätze loslassen, fällt nicht nur etwas Belastendes weg.
Es fällt auch etwas Bekanntes weg. Etwas, das – so unbequem es war – eine Art Orientierung geschaffen hat.
Unser inneres System liebt Vorhersagbarkeit.
Und wenn plötzlich eine Regel fehlt, entsteht ein kurzer Moment des „Und jetzt?“
Dieser Moment ist nicht das Problem.
Er ist der Beweis, dass du in Bewegung bist.
Neurologisch betrachtet: Das Gehirn mag keine freien Parkplätze
Das Gehirn baut Strukturen über Wiederholung.
Alte Muster sind wie gut asphaltierte Straßen: breit, bequem, leicht befahrbar.
Wenn wir sie nicht mehr benutzen, wachsen sie langsam zu.
Die neuen Wege existieren ebenfalls – aber anfangs nur als zarte Trampelpfade.
Diese Fähigkeit des Gehirns, sich neu zu organisieren und umzustrukturieren, nennt man neuronale Plastizität. In dieser Übergangsphase sagt das Gehirn nicht:
„Gefahr!“
sondern vielmehr:
„Unbekannt. Bitte vorsichtig.“
Unsicherheit ist in Wahrheit ein Zeichen dafür, dass du gerade zwischen zwei neuronalen Systemen stehst.
Innerpsychisch betrachtet: Ein neuer Raum wird frei
Du hast eine innere Tür geöffnet und stehst plötzlich in einem leeren Raum.
Nicht bedrohlich – aber ungewohnt.
Viele Menschen wollen diesen Zwischenraum sofort möblieren: neue Glaubenssätze, neue Ziele, neue Ideen.
Doch dieser Raum muss nicht sofort gefüllt werden.
Er möchte erst einmal wahrgenommen werden.
In dieser Leere warten oft Anteile in uns, die bisher keinen Platz hatten: leise Stimmen, alte Ressourcen, neue Impulse, Wünsche, Mut.
Sie treten aber erst hervor, wenn der Raum nicht überlagert wird.
Der Übergangsraum als Ort der Reorganisation
Wenn du in so einer Phase bist, passiert etwas Wertvolles:
• Alte Definitionen fallen weg.
• Neue Identität entsteht.
• Das System sortiert sich neu.
• Dein Körper lernt Sicherheit ohne die alten Regeln.
• Deine inneren Wesensanteile ordnen sich neu.
Das fühlt sich manchmal an wie ein Schwebezustand – aber im Grunde ist es ein Neuaufbau.
Ein bisschen wie im Frühling, wenn die Erde schon warm riecht, die Pflanzen aber noch unter der Oberfläche schlafen.
Wie du diesen Raum begehbar machst
Du musst ihn nicht sofort gestalten. Es reicht, ihn zu betreten.
Ein paar einfache Impulse, die stabilisieren:
1. Kurz innehalten
Stell dir den inneren Raum vor.
Nicht verändern – nur anschauen.
Wirken lassen.
2. Kontakt zu dir selbst
Welche deiner inneren Wesensanteile und Eigenschaften kannst du vielleicht schon spüren?
Ruhe? Neugier? Zuversicht? Hoffnung? Vertrauen? Wünsche?
Du musst keine Entscheidung treffen – nur wahrnehmen, was sich zeigt – mit deinem gesamten Organismus, mit all deinen Sinnen.
3. Kleine 1%-Gesten
Übergänge brauchen keine großen Schritte, sondern kleine Signale an das Nervensystem:
• Ein bewusster Atemzug
• Eine Hand aufs Herz
• Ein Glas Wasser langsam trinken
• Ein Satz wie: „Ich bin gerade im Übergang – und das ist okay.“
Das reicht oft, damit das System versteht:
„Alles gut. Wir gehen hier gemeinsam durch.“
Der leere Raum ist kein Loch – er ist ein Anfang
Viele Menschen glauben, Unsicherheit sei ein Zeichen dafür, dass etwas schief läuft.
Ich sehe es anders: Unsicherheit taucht auf, wenn etwas Neues sich formt und noch keinen Namen hat.
Vielleicht ist das größte Geschenk dieser Phasen, dass wir für einen kurzen Moment nicht automatisch funktionieren.
Sondern bewusster wählen.
Spüren, was wirklich zu uns gehört – und was wir nur gewohnt waren.
Übergänge sind der Ort, an dem sich das Leben neu sortiert.
Und ja: Sie fühlen sich seltsam an.
Aber genau dort beginnt Klarheit.
Der Zwischenraum als natürlicher Teil deiner inneren Jahreszeiten
In der Sprache der inneren Jahreszeiten ist das dieser allererste Frühlingsmorgen:
Der Frost hat sich zurückgezogen, aber die Sonne ist noch zaghaft.
Der Boden ist weich, aber noch nicht warm.
Etwas Neues will wachsen – aber es hat noch keinen Namen.
In diesem Übergang meldet sich oft ein zartes, schüchternes Ich: das Ich der Möglichkeit.
Es flüstert eher, als dass es spricht, und übt noch seine Stimme zu finden.
Daneben stehen die alten Muster-Ichs, die sich vielleicht zurückziehen, kleiner werden. Sie sind nicht wütend, sondern orientierungslos.
Sie fragen dich:
„Bist du sicher, dass wir nicht mehr gebraucht werden?“
Und das bist du vielleicht noch nicht – auch das ist vollkommen okay.
Eine Frage zum Schluss
Wenn dein innerer Frühling gerade leise an deine Tür klopft – welche erste kleine Geste könnte deine Antwort sein? Vielleicht ein tiefer Atemzug, ein bewusstes Innehalten oder einfach nur ein freundliches „Ich höre dich“?











