Wenn das Alte sich löst und das Neue noch keinen Namen hat
Vielleicht kennst du das Gefühl: Etwas in deinem Leben trägt nicht mehr wie früher.
Ein Lebensabschnitt geht zu Ende, eine Rolle passt nicht mehr, eine Entscheidung steht an – der Weg ist noch nicht klar.
Du stehst zwischen zwei Welten.
Da ist eine Welt, die sich verabschiedet.
Und da ist eine Welt, die noch im Unbekannten wirkt.
Genau hier, in diesem Zwischenraum, liegt die Zeit der Rauhnächte.
Sie sind wie ein geschützter Zeitraum für genau diese Phase –
wenn das Alte sich löst und das Neue noch keinen Namen hat.
Ein Raum außerhalb der Zeit
Die Zeit zwischen den Jahren fühlt sich anders an.
Leiser
Weiter
Weniger eindeutig
Als würde der gewohnte Takt für einen Moment aussetzen.
Als hätten Termine, To-do-Listen und Uhrzeiten kurz ihre Macht verloren.
Die Rauhnächte liegen genau in diesem Zwischenraum.
Sie beginnen traditionell in der Nacht vom 24. auf den 25. Dezember und enden mit dem 6. Januar.
Zwölf Nächte, die seit Jahrhunderten als besondere Schwellenzeit gelten –
eine Zeit, in der das Alltägliche durchlässiger wird und innere Stimmen mehr Raum bekommen.
Wahrnehmen statt Ordnen
Diese zwölf Nächte sind nicht dazu da, etwas zu ordnen oder zu klären.
Sondern um wahrzunehmen, was sich zeigt –
zwischen Frühstück und Abend,
zwischen Schlafengehen und Aufwachen.
In diesen Tagen tauchen oft keine Antworten auf,
sondern feine innere Regungen.
Gedanken, die im Alltag kaum Raum bekommen.
Gefühle, die keinen Namen brauchen.
Innere Stimmen, die gehört werden wollen.
Vielleicht meldet sich ein Teil, der müde ist.
Oder einer, der sich nach etwas Neuem sehnt,
ohne schon zu wissen, wie es aussehen könnte.
Nichts davon muss verändert werden.
Nichts davon muss verstanden oder eingeordnet werden.
Die Rauhnächte sind kein Ritualprogramm
und kein Versprechen auf Erkenntnis.
Sie sind ein geschützter Übergangsraum.
Ein Ort zwischen Abschied und Neubeginn,
in dem nichts festgelegt werden muss.
Das Geschenk des Nicht-Wissens
Was bedeutet es, einen Übergang zu bewohnen?
Eine Freundin sagte mir einmal mitten in so einer Phase:
„Ich weiß nicht, ob ich bleiben oder gehen soll.“
Ich fragte:
„Und wenn du dir erlaubst, das noch nicht zu wissen –
was brauchst du dann gerade?“
Sie schwieg.
Dann sagte sie leise:
„Ruhe.“
Manchmal ist das die einzige Antwort,
die ein Übergang braucht.
Nicht Klarheit.
Nicht Entscheidung.
Sondern die Erlaubnis, noch nicht zu wissen.
Manche zünden in dieser Zeit abends eine Kerze an,
nachdem die Küche aufgeräumt ist
und der Tag langsam leiser wird.
Andere räuchern und schreiben in ihr Tagebuch.
Wieder andere sitzen einfach da
und schauen aus dem Fenster.
Alles darf.
Nichts muss.
Vielleicht liegt das Wesentliche dieser Tage genau darin,
dem eigenen inneren Erleben nicht auszuweichen.
Nicht zu beschleunigen.
Nicht zu bewerten.
Übergänge lassen sich nicht planen.
Aber sie lassen sich bewohnen.
Und manchmal genügt es,
sich selbst leise zu sagen:
Ich sehe, was da ist.
Und ich lasse ihm Zeit.
Welche innere Stimme wird bei dir in diesen Tagen leiser –
und welche möchte vielleicht zum ersten Mal gehört werden?
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