Wenn die eigenen Gefühle keinen Platz haben

3. Juni 2026 | Impulse, Winter

Vom inneren Erleben von Angehörigen schwer kranker Menschen

Als mein Mann schwer krank wurde, begann ich zu suchen. Ich suchte nach Antworten. Nach Möglichkeiten. Nach Menschen, die vielleicht noch eine Idee hatten. Ich las Bücher, recherchierte, sprach mit Ärzten und hielt Ausschau nach allem, was helfen könnte. Immer wieder stellte ich mir dieselbe Frage: Was kann ich noch tun?

Damals dachte ich, mein Kampf richte sich gegen die Krankheit. Heute verstehe ich etwas, das ich damals noch nicht wusste: Während ich im Außen nach Antworten suchte, entstand in meinem Inneren eine ganz eigene Welt.

Dort gab es viele Stimmen:

  • Ein kämpfender Anteil wollte nicht aufgeben.

  • Ein hoffender Anteil hielt Ausschau nach jedem kleinen Lichtstreifen.

  • Ein ängstlicher Anteil sorgte sich um die Zukunft.

  • Und irgendwo gab es auch einen erschöpften Anteil, der sich nach Ruhe sehnte.

Damals kannte ich diese Wesensanteile noch nicht bewusst. Aber heute weiß ich: Keiner von ihnen war mein Gegner. Sie alle versuchten auf ihre Weise, mit einer Situation zurechtzukommen, die größer war als alles, was ich bis dahin erlebt hatte.

Vielleicht gibt es auch in dir einen Anteil, der unermüdlich nach Lösungen sucht. Einen Anteil, der Hoffnung festhält. Oder einen Anteil, der sich fragt, wie lange er noch durchhalten kann. Vielleicht gibt es sogar Stimmen in dir, die sich widersprechen. Und vielleicht hast du dich dafür schon verurteilt.

Der stille Kampf im Inneren

Du möchtest stark sein. Du möchtest helfen. Du möchtest für den Menschen da sein, den du liebst.

Und gleichzeitig tauchen Gefühle auf, die so gar nicht zu dem Bild passen, das du von dir haben möchtest. Da ist vielleicht Wut. Angst. Traurigkeit. Erschöpfung. Oder der Wunsch, einfach einmal wegzulaufen und für einen Moment alles hinter sich zu lassen.

Und kaum sind diese Gefühle da, meldet sich oft schon die nächste innere Stimme:

So darfst du nicht denken.“ „Reiß dich zusammen.“ „Jetzt geht es nicht um dich.“

So entsteht ein stiller Kampf im Inneren – ein Kampf, den von außen oft niemand sieht. Rückblickend sehe ich, dass damals unzählige Stimmen gleichzeitig in mir aktiv waren.

Aber keine von ihnen war mein Gegner. Jede dieser Stimmen versuchte auf ihre Weise, etwas Wertvolles in mir zu bewahren:

  • Die Angst versuchte, auf alles vorbereitet zu sein.

  • Die Hoffnung wollte die Zuversicht erhalten.

  • Die Wut machte auf meine Grenzen aufmerksam.

  • Die Erschöpfung wollte meine verbleibende Kraft schützen.

  • Und die Traurigkeit würdigte, was gerade verloren ging – oder verloren zu gehen drohte.

Vielleicht liegt genau darin eine Entlastung – nicht sofort zu fragen: „Wie werde ich diese Gefühle los?“ Sondern: „Was möchten sie mir zeigen?“ und „Wofür setzen sie sich ein?“

Denn hinter jedem Gefühl steht meist ein Bedürfnis, eine Sorge oder ein Wunsch. Kein Wunder also, dass sich viele Angehörige irgendwann innerlich zerrissen fühlen.

Wenn Würdigung wichtiger wird als Durchhalten

In solchen Zeiten geraten viele Menschen in einen Modus des Durchhaltens. Sie funktionieren, organisieren und kümmern sich so selbstverständlich, dass die eigenen Grenzen kaum noch wahrgenommen werden.

Auch ich dachte damals, ich müsste einfach noch stärker sein und noch mehr schaffen. Heute weiß ich, dass in mir nicht nur Liebe lebte, sondern auch ein enormer innerer Druck. Was ich damals für ein Problem hielt, verstehe ich heute anders. Jede Stimme, die mich Kraft kostete, hatte eine Botschaft:

  • Die erschöpfte Stimme sagte eigentlich: „Bitte achte auch auf mich.“

  • Die traurige Stimme sagte: „Hier geht gerade etwas verloren.“

  • Und die kämpfende Stimme sagte: „Ich will diesen Menschen nicht verlieren.“

Keine dieser Stimmen war falsch. Keine davon war schwach.

Vielleicht beginnt die Entlastung deshalb nicht dort, wo wir uns noch mehr zusammenreißen. Vielleicht beginnt sie dort, wo Würdigung entsteht – Würdigung für das, was innerlich getragen wird. Für die Kraft, die es kostet, Tag für Tag weiterzugehen. Für die Angst. Die Hoffnung. Die Müdigkeit. Und für die Liebe.

Der erste Schritt war Friedenschließen

Rückblickend war mein erster Schritt zu verstehen, dass all diese Gefühle gute Gründe hatten. Mein innerer Kampf bedeutete nicht, dass mit mir etwas nicht stimmte. Es waren Stimmen, die versuchten, mich durch eine Zeit zu tragen, die das Leben von Grund auf verändert hatte.

Vielleicht braucht es deshalb nicht immer sofort Lösungen. Vielleicht braucht es manchmal zuerst etwas viel Einfacheres: Einen Moment innezuhalten, nach innen zu lauschen und den eigenen Impulsen mit mehr Sanftheit zu begegnen.

Sie sind keine Gegner. Sie sind Seiten eines Menschen, der liebt und gleichzeitig etwas sehr Schweres trägt. Und manchmal geschieht dann genau das, nach dem sich ein erschöpfter Anteil insgeheim so lange gesehnt hat: Er darf endlich erzählen, warum er so verzweifelt durchgehalten hat.

Was dann entsteht, sieht manchmal wie Akzeptanz aus. Aber es fühlt sich anders an.

Es fühlt sich an wie Ankommen.

Wenn du dich in diesen Zeilen wiedererkennst und merkst, dass deine inneren Stimmen gerade laut und erschöpft sind: Du musst diesen Weg nicht allein gehen. Manchmal hilft es, diesen Anteilen gemeinsam einen sicheren Raum zu geben. 

„Hier findest du meine Angebote und die Möglichkeit für ein Kennenlerngespräch“