Manchmal wirft das Leben die eigenen Pläne einfach über den Haufen. Die Grippe hatte mich erwischt und sich voll bei mir eingenistet. Über Nacht nahm sie mir meine Energie und alle Termine. Alles, was ich mir vorgenommen hatte, musste warten. Nicht einmal Gassie gehen mit meiner Hündin, Hada, war möglich. Hada nahm es mit erstaunlicher Gelassenheit. Hauptsache, wir waren zusammen. Irgendwie hatte sie mir damit schon etwas voraus.
Pünktlich wie immer kamen die inneren Stimmen. Ich nenne sie mittlerweile meine Innere Band.
Die Sorgenvolle kratzte jämmerlich auf ihrer Geige herum. „Oh je, wie krieg ich das jetzt hin?!“
Der Sänger drängelte sich mit seinem Lieblingstext in den Vordergrund. „Komm, mach das noch schnell, dann ist es erledigt!“
Der Antreiber schlug ungeduldig auf sein Schlagzeug ein. „Die Gärten müssen versorgt werden! Die Klientinnen warten! Und all die anderen Termine!“
Und der Schieber blies mit seiner Trompete dazwischen. „Stell dich nicht so an! Raff dich auf! So schlimm ist es jetzt auch wieder nicht!“
Mein Körper aber war anderer Meinung. Er blieb im Bett und zog sich die Decke über den Kopf.
Im Halbschlaf unter der Decke eingekuschelt, entstand in mir das Bild von einem Baum mit seinen fallenden Herbstblättern. Mit dem Bild kam auch die Frage, ob ich nicht auch in mir Blätter fallen lassen könnte.
Eins nach dem anderen …
Ein Termin nach dem anderen …
Die gewollten und die ungewollten.
Ich konnte ja sowieso nichts daran änderen.
Die grummelnden Stimmen wurden etwas leiser.
Die Frau am Mischpult drehte ein wenig an den Reglern. Vielleicht kam vom Baum ein guter Hinweis.
Auch die Kontrolle musste für einen Moment nicht mehr aufpassen. Sie legte ihre Trillerpfeife zur Seite. Und obwohl der Kopf dröhnte und die Glieder schmerzten, wurde es ruhiger in mir.
Es wurde still …
Irgendwann weckte mich die Neugier. Warum verlieren Bäume im Herbst eigentlich ihre Blätter?
Die Antwort passte erstaunlich gut zu meinem Zustand: Bäume ziehen im Herbst die Nährstoffe aus ihren Blättern zurück. Sie bewahren, was sie brauchen, und trennen sich dann vom Blattwerk.
Vielleicht hat mich die Grippe davor bewahrt, noch länger über meine Grenzen zu gehen. Ich hatte mir viel vorgenommen, ab auf zu vielen Hochzeiten gleichzeitig getanzt. Irgendwann war Schluss.
Ich hatte befürchtet, die Welt würde zusammenbrechen, sobald ich mich hinlege.
Sie tat es nicht.
Ein Bekannter goss die Gärten. Die Pflanzen schienen den Unterschied nicht einmal zu bemerken.
Vieles lief einfach weiter – ohne mich. Hilfe war da von verschiedenen Seiten. Und ich durfte liegen bleiben und mich auskurieren.
„Was, wenn es jetzt auch mal Zeit für mich ist, dem, was in mir gewachsen ist, Raum zu geben und es ganz in Ruhe wirken zu lassen?“
Kranksein anzunehmen hieß für mich, aufzuhören, mit ihm herumzustreiten. Vielleicht musste ich gerade nichts lösen. Vielleicht durfte ich einfach da sein, ohne etwas leisten zu müssen.
Es war, wie es war.
Nicht schön, aber wahr.
Und in dieser Wahrheit fühlte ich mich tatsächlich wohl.
Ich ließ die Blätter weiter fallen …
Es ist ja nicht so, dass meine Band der Stimmen mir Böses will. Eigentlich wollen alle helfen. Aber sie übertreiben gern, und das gewaltig.
Die Perfektionistin zum Beispiel tickt unermüdlich mit ihrem Metronom. Sie sorgt dafür, dass etwas stimmig wird. Dass ein Text sitzt und ein Detail nicht einfach irgendwo hängt. Sie hat ein gutes Auge. Das ist wertvoll. Nur fällt es ihr schwer, aufzuhören, wenn eigentlich alles stimmt. Und wann ich Pause mache, sollte nicht sie entscheiden.
Die Helferin mit ihrer Gitarre ist sofort zur Stelle, wenn jemand Hilfe braucht. Ihren Rucksack hat sie immer dabei, für andere gepackt, mit Pflaster und Notfallplan. Sie ist hilfsbereit und hat ein großes Herz. Das ist wunderbar. Nur sorgt sie dafür, dass ich dabei vergesse, auch an mich selbst zu denken.
Der Antreiber trommelt kräftig los. „Los geht’s, wir fangen an!“ Er bringt mich in Bewegung, wenn etwas getan werden muss und spornt mich an, es noch ein bisschen besser zu machen. Oft ist das genau richtig. Nur sollte er nicht bestimmten, dass ich niemals aufhören darf.
Die Starke spielt den Bass. Auf die Frage „Wie geht’s dir?“ hat sie sofort die Antwort parat: „Danke. Mir geht’s gut!“ Sie übernimmt Verantwortung, sieht, wo angepackt werden muss, und sorgt dafür, dass alles weiterläuft. Sie ist da, wenn es darauf ankommt – auch dann, wenn es schwierig wird. Aber sie muss nicht rund um die Uhr im Dienst sein und allem gerecht werden.
Solche Bands spielen in vielen Köpfen. Und vielleicht kennst du sie auch. Wir sind oft so sehr damit beschäftigt, weiterzumachen und für alles und jeden da zu sein, dass wir kaum wahrnehmen, was wir selbst alles leisten.
Vielleicht ist es an der Zeit, einmal genauer hinzuschauen. Nicht nur auf das, was noch zu tun ist, sondern auch auf das, was wir längst geschafft und in uns entwickelt haben.
Was haben wir gelernt?
Was haben wir gemeistert?
Was haben wir anderen gegeben?
Was hat sich im Leben bewährt und trägt uns weiter?
Im Alltag übersehen wir das leicht. Wir erledigen eine Sache, atmen kurz durch und wenden uns schon der nächsten zu. Als wäre das Erledigte selbstverständlich gewesen.
Wir danken der Postbotin, der Nachbarin, manchmal sogar dem WLAN, wenn es endlich wieder funktioniert. Aber uns selbst? Das vergessen wir oft.
Dabei könnten wir uns ruhig einmal sagen: Danke, das hast du richtig gut gemacht! Und jetzt ist Zeit für eine Pause.
Einfach mal die Blätter fallen lassen, so zwischendurch. Für einen kurzen Moment, einfach so. Vielleicht sogar mehrmals am Tag.
Wir brauchen nicht den ganzen Herbst dazu. Manchmal reicht ein einziger stiller Moment. Und vielleicht können wir uns in dieser Pause erlauben, manches ein wenig leiser werden zu lassen, das uns lange begleitet hat: den Anspruch, immer stark sein zu müssen, es allem recht machen zu wollen oder noch besser zu sein.
Wenn die Innere Band dann tatsächlich einmal zur Ruhe kommt, könnte vielleicht doch die leise Frage auftauchen: „Was bin ich noch wert, wenn ich nichts leiste?“
Ein Baum, der im Herbst seine Blätter verliert, wird dadurch nicht weniger Baum. Er bleibt, was er ist. Auch ohne seine Blätter.











